10. Mai 2015 - 14. Juni 2015

Stachel in der Harmonie

Die Künstlerin Andrea Gawaz stellt im Bonner Frauenmuseum aus.

Andrea Wickert-Gawaz   Muggardt 26   79379 Müllheim   Telefon 07631 - 179 33 11   Mail andrea[at]gawaz.de

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BRITZINGEN-MUGGARDT. Das überlebensgroße Pferd aus lauter Hufeisen weist den Weg: Ganz hinten in dem versteckten Weiler Muggardt steht es vor dem Künstleratelier von Andrea Gawaz. Das Eisenross hat ihr ein Kollege geschenkt. Sie selbst ist Malerin. Und auch Dichterin. Jetzt beteiligt sie sich zusammen mit 55 weiteren Künstlerinnen an einem großen Ausstellungsprojekt im Bonner Frauenmuseum. Thema: Die Aktivitäten von Frauen für und gegen den Krieg von 1914 bis 1918.

Anlass ist der 100. Jahrestag des Internationalen Frauenfriedenskongresses bürgerlicher Frauenrechtlerinnen in Den Haag. Von 2003 bis 2009 war Andrea Gawaz Mitglied in der Malerklasse von Trutz Bieck Köln in der Kunstschule Senden, über diesen Kontakt sei die Einladung zur Teilnahme zustande gekommen, erzählt sie im Gespräch mit der BZ. Vor ihrer künstlerischen Laufbahn hat sie neun Jahre lang für das Bayrische Fernsehen als Kulturjournalistin gearbeitet. Seit 1985 ist sie als frei schaffende Künstlerin tätig und lebt seit 2009 im Markgräflerland.


In der Gruppe, die jetzt für den Ausstellungsteil "Trümmerfrauen – Aus der Spur" für das Frauenmuseum gearbeitet hat, ist Andrea Gawaz die einzige Malerin unter lauter Bildhauerinnen. Die Thematik sei für sie eine "ganz neue aufregende Geschichte", meint sie, und das, obwohl sie sich schon mit vielen kontroversen, ja konfliktbeladenen Themen beschäftigt hat. Doch nicht nur zwei Bilder sind entstanden, auch ein Video, in dem sie ihr Gedicht "Weil du eine Frau bist" rezitiert, während die Kamera den Marmorleib der antiken Aphrodite in der Münchner Glyptothek erforscht, die "Narbe, die den Rücken quert", die "Geknickte, Zerbröselte, von Erosion, Glut und Kälte Geborstene...", eine eindrucksvolle Huldigung an die Vielseitigkeit, Widersprüchlichkeit und Anpassungsfähigkeit, aber auch Schönheit der Frau.



Die andere Arbeit ist auch kein Bild im eigentlichen Sinn, sondern spielt mit der räumlichen Dimension: Eine Küchenschürze mit gerüschtem Rand auf die Leinwand geklebt und mit Farbe übermalt trägt eine kleine Frauenfigur, die wie aus dem Universum in sie hineingefallen scheint. Der Höhenflug ins Weltall endet in der Küchenschürze, deren Latz obendrein noch mit drei Pinselstrichen in Schwarz, Rot und Gold verziert ist. Ein starkes Bild mit vielen Deutungsmöglichkeiten.


Das dritte Ausstellungsstück spielt ebenfalls mit dem Aufbruch des Gemäldes in die dritte Dimension: Zwei Säcke hängen im rechten oberen Eck, dick mit Farbe verkleistert, plump und schwer, undefinierbares Gewölle quillt aus ihnen hervor, die linke Bildhälfte nimmt eine Frauengestalt ein, die wie auf einer Rutschbahn einem gleißenden Licht entgegenfliegt: "Entkommen" heißt der Titel dieser Assemblage.


Welche Geschichten die Bilder noch erzählen, überlässt Andrea Gawaz den Betrachtern. Sie will den Aspekt "Trümmerfrau" weiter fassen als nur bis zu den Heldinnen der Kriegs- und Nachkriegszeiten der beiden Weltkriege. "Trümmerfrauen gab es zu allen Zeiten", sagt sie. Dennoch will sie mit ihren Arbeiten nicht nur auf die geknechtete und ausgenutzte Frau verweisen, sondern auch auf ihre Stärken, ihre Schönheit, ihre Fähigkeit, Lust und Leidenschaft zu empfinden.


Andrea Gawaz lässt ihre Bilder Schicht um Schicht aus der Leinwand herauswachsen, beschreibt sie ihren künstlerischen Ansatz. Dabei geht es nicht um abstrakt oder gegenständlich, sondern vor allem um die Farbe, mit der sie Kälte und Wärme, Licht und Schatten, Stress und Ruhe erzeugt. Und vielfach ist in ihren Bildern irgendwo ein kleiner Störfaktor versteckt, der Stachel in der Harmonie. Sie arbeite täglich in ihrem Atelier, jedoch nicht zu festen Zeiten, verrät sie. Und die Grenzen zwischen Malen und Dichten sind bei ihr fließend: "Mit Sprache gemalt, in Farbe geschrieben, fange ich die Atmosphäre ein, Gedanken, eine Idee..."


weitere Informationen unter www.frauenmuseum.de

Video zum Gedicht „Weil du eine Frau bist“ hier
https://www.youtube.com/watch?v=SWrVrDjPOJ8&feature=youtu.be