Weil Du eine Frau bist
























Bei Lichte fällt mir auf,

dass Deinen Rücken eine Narbe quert.

Die Fuge setzt sich widerspenstig

als Fraktur vielstimmig in der Seele fort.


Trümmerfelder überall.

In die Hände gespuckt.

Du klotzt ran.

Du machst mit.

Gute Miene zu bösem Spiel.

Wenn nix mehr geht, Dich braucht der Mann.


weil - Du eine Frau bist.


So erfrischend Dein Esprit,

Du gebärst Lösungen,

unkonventionell,

handelst beherzt,

beseitigst Spuren.


Handfest bist Du,

anschmiegsam.

Derb, rissig, spröde,

voller Widersprüche.

Das Raue, Ungeschlachte zeigt die Wunde.

Du stehst Deinen Mann,


weil - Du eine Frau bist.


Hältst hin,

bist willig,

Perpetuum mobile,

lässt Dich berühren, von allen.

Du hältst durch,


weil - du weißt schon...


Du die Geknickte, Zerbröselte,

von Erosion, Glut und Kälte Geborstene,

stellst Dein Licht unter den Scheffel.



Du bleibst

auch wenn es weh tut.

Phönix aus der Asche.

Willst schön sein.

Immer.

Skalpell, Nadel, Aufbaumaterial.

Bis alles glatt ist.


Tiefe Schollen mit gezackten Falten,

Topographien Deiner Inwendigkeit.

Verstörende, Abdrücke in Deiner Seele,

Und doch: 

Du wahrst Contenance,

bist stark,

fluchst nicht,

trägst den Kopf hoch,

bist tapfer und - gut.


Beschneide mich!

pars pro toto.

Ich fühle nicht,

schweige.

Mir ist kalt.

Ein Lächeln.


Sind Frauen so?




Januar 2015



Liebe herbstzeitlos


Chromgelb, Ocker und Zyan

Ein Hauch von Cadmium-Grün

Verzagt welken Schlehen und Baldrian

Zwischen Schierling  zum  November hin.


Lieb` herbsttrunkenes Land magst ruhig sein.

Erfreu Dich an geschenkten südlichen Tagen

Dort drüben grüßt freundlich Fessenheim

Bitte bewahr uns - und nicht nur vor  biblischen Plagen.


Hör nur, die unbändige Stille!

Versunken in Andacht scheint die Welt.

Ich spür es  überall:

Da ist dieser Wille,

Diese  Kraft,

Die es so wundersam schafft,

Dass mich bei  Sterben und Zerfall

Rebellion, aber auch  Einverständnis befällt.


Hingen noch unlängst die Reben

Prall, voller Sommerglut.

Mit hellem und rubinrotem Leben -

Die Erinnerung tut gut.


Nachtgedanken lümmeln sich,

Ungerufen, wo im Sommer Leichtigkeit wär`.

Mir gefällt`s, ist das nicht wunderlich!

Die gepflügte Erde atmet schwer.


Im Schleier von verblichenem Violett

Blitzt, wie Feuer, farbprächtiges Geschehen

Und ich meine gar, ich hätt`

Da weit in die Tiefe gesehen!


Fernes Ahnen vom Zirpen und Wogen

Dringt durch gleißendes Schweigen zu mir

Alte Träume sind  weltwärts gezogen

Meine Liebe, die bleibt hier.



Muggardt im Oktober 2009






Gedichte von Andrea Gawaz

Birnblütenblätter


Weiß, wie unlängst der Schnee,

Fallen sie einfach so,

Eh`ich mich verseh`,

Blütenblätter von Kirschbaum und Co.


Sinnbild für Abschied und Sterben

Scheint mir das wilde Geschehen

Eischalen liegen in Scherben

Weil Neues will entsteh`n


Zum wiederholten Mal das Drama in Dur.

Verflogen sind Trübsinn und Zorn.

Dem allseitigen Widerspruch auf der Spur.

Ich schau zurück nach vorn.


Und seh` vor mir die geilen Peonien,

Die sich bald plustern vor Kraft.

Die Natur ist`s, die es ohnehin

immer wieder auf`s Neue schafft.

Mit Inbrunst und Sanftmut,

Elend brutal,

Säuselnd, voll Glut,

Von Sinnen, hingebungsvoll und radikal.


Der Vogel kämpft sich aus dem Ei.

Heerscharen von Fallschirmen segeln vorbei

Sag mir: Ist es so auch mit dem Krieg?

Zerstörung die Leben spendet.

Flieg Vogel flieg!

Söhne werden wie Birnblütenblätter verschwendet?

Wohl dem, der keine Fragen stellt.

Welche Erträgnisse braucht die Welt?


Versprechen von süßen Magnolien,

Verheißung von Flieder und Fink.

Unbändig, maßlos und flink

Ziehen wieder einmal seidene Lüfte,

Betörend zarte Düfte

Überall und nirgendwo hin.

Unermesslich viele werden noch fallen,wie Schnee

Birnblütenblätter, eh‘ ich mich verseh‘.



Muggardt im April 2010












Jetzt


Ist denn schon wieder Silvester?

Ich meinte das war doch erst gestern.

Weihnachtsglitzer, Kerzen und Baum,

Der Duft von Bärentatzen...

Vergangen wie Sehnsucht, wir merkten es kaum

Und schon hören wir‘s Neue Jahr kratzen.


Frag`mich doch mal, ob ich`s nicht mehr schätzte,

Du unruhiger Geist, Du hastige Plage,

Wenn Deine Erfüllungsgehilfin an manchem Tage

Mit dem ewigen Ticken aussetzte.


Geschenkte Momente, „...verweile doch, Du bist so schön...“

Das ist Faust, Pakt mit dem Teufel, so kann`s doch nicht geh`n.

Und hätt`ich dann ein zusätzliches Stück,

vom geschenkten, prall gefüllten Augenblick,

Ja, dann hör`ich mich, wie könnts anders sein,

Einfältig, heiser nach „Zugabe“ schrei`n.


Ist`s Unmaß, sind`s verworrne Hirngespinster,

Will ich zu viel, zu wenig, von den Andern und mir selbst?

Gezirklte Vorstellungen machen mein Leben finster,

Wenn Du Jahr mir so missfällst.


Dabei ist doch alles so überschaubar,

So klar, so simpel, so evident:

Fliege dahin und sage nur laut „Nein“ oder „Ja“,

Und das im richtigen Moment.



Ja, ich bin einverstanden, kann sagen mir gefällt`s

Schließlich kenn`ich`s so aus meiner embrionalen Welt.

Ich mag Dein beherztes Ausschreiten, so unbeirrt und heiter,

Verlässlich, wie Herzschlag, lebensspendend, immer weiter.


Und es war wieder Silvester.

Unaufhaltsam das neue Jahr rennt.

Zerbrich Dir Dein Köpfchen nicht Schwester:

Denn Glück, das ist nur der eine,

Aber auch jeder andere Moment .

Wirklich da und wahrhaftig, bin ich im flüchtigen Jetzt,

Vom Morgen und vom uralten Zauber, so liebestoll gehetzt.


Muggardt im Dezember 2009

Wintersinn


Bedeckt, verschlossen, weiß verhüllt,

Liegt auf einmal alles, was war.

Kein einziger Wunsch scheint mir erfüllt,

Ist am Ende zu jung das Jahr?


Mir ist als galoppierten martialische Reiter

Unheilvoll durch die Nacht, weiter und weiter.

Die Apokalyptischen seid ihr wohl nicht.

Ich verstehe: hier eilen nur die Schergen der Zeit.

Ohne Euch keine Dämmerung, kein Sonnenlicht,

Nicht Leidenschaft und Vergänglichkeit.


Bleib Geliebter, Du kannst jetzt nicht geh`n.

Der Frühling, die Kinder -  wir wollten noch seh`n ...


Wachsen, Welken, Ebbe und Flut

Werden und Entstehen,

Wer kennt`s nicht auswendig und heißt es gut

Das Spektakel mit dem Vergehen!

Das Gesetz wirkt unendlich überall:

Primel, Aster, Eiskristall.

Hat doch alles seine Zeit.

Aber wartet, kommt später, ich bin noch nicht bereit.


Kalter Schimmer entzauberter Sterne,

Das gebrochene Licht der Straßenlaterne.

Im Schnee sind`s die Diamanten, die jeder sieht

Und dennoch ist seltsam, was geschieht:


Schwere will mich auf einmal begleiten.

Mein Herz klopft vor Schmerz, wie vor Wonne im Mai

Wenn Ihr meint, dann folgt mir durch weiße Weiten.

Aber ich wünsch` mir, Kreuz-Teufel, Ihr zieht vorbei!


Bleib` Geliebter - ich will Dir noch was sagen.

Erinnerst Du Dich, in Kindertagen -


Es lief grandios den Abhang hinunter.

Nicht enden wollend, einfach runter,

Übermütig, die Welt vergessen,

Vom Augenblick besessen -

Kribbeln, kalte Backen, pfeilgrad dahin.

Alles hatte seinen Sinn.


In weißer Endlosigkeit geborgen,

Erkenne ich heute kein Oben, noch Unten, kein Morgen...

Der Gedanke an Leid und den ganz großen Abschied

Ist mir jedoch kein bisschen vertraut.

Ich esse Euer Brot, aber ich sing` nicht Euer Lied.

Habe stolz und sinnenfroh in die Welt geschaut.


Zur großen Hoffnung „alles wird gut!“

Bin ich nicht einfältig genug.

Eher respektlos bierernstem Gehabe!

Wünschte mir sehnlich die erdschwere Gabe,

Zu glauben aus voller Seele und ganzem Leib:

Wie immer es ausgeht  -  es hat seinen Sinn!

Ach, Himmel wie weit entfernt ich davon bin!


Bleib` Geliebter, bleib`...


Muggardt im Januar 2010

Malerei und Poesie sind für mich sehr ähnliche Gewerke. Im Bild, wie im Gedicht geht es mir darum eine Idee, eine Atmosphäre, auf den Punkt zu bringen. In beiden Fällen geschieht es, dass ich mich von „schönen Stellen“ verabschieden muss, zu Gunsten des Gesamtkonzepts. Beides sind „konzentrierte“ Gedanken.

Andrea Wickert-Gawaz   Muggardt 26   79379 Müllheim   Telefon 07631 - 179 33 11   Mail andrea[at]gawaz.de

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Halbe Zeit


Nichts ist vollkommen, alles im Fluss,

halb vorbei, bevor es entsteht.

Duldsame Milde, die nicht können muss

Hat gnädig sich auf die Zeit gelegt.


Halbes, so scheint es, ist ganz und gar,

wie Goethes Flöhe und Wanzen,

Nicht zu Ende gedacht, vielleicht nur halb wahr,

Teil vom Großen und Ganzen.


Das Renommee ist gering,

Vom leisen „Zwischendrin“,

Auch vollkommen unscharf,  sei`s drum!

Die Töne dazwischen sind Universum.


Das Halbe ist das Ganze,

Perfektion - „Goldenes Kalb“.

Es zerfließt zwischen Jetzt und Halb

Unsägliches in suchendem Tanze.



Februar 2013





Ungleichzeit Nirgends


Wohin geht ihr, wenn ich trüb-sinnig bin?

Meine frohen Gedanken, wo hin,

Wohin das Lachen für anscheinend nix,

Am Ende eines großen Augenblicks?


Wohin geht ihr wenn ich froh und leicht-sinnig bin

Ihr Nachtgedanken, wo hin?

Wohin das Weinen, das Klagen mein Schrei?

Momente sind Epochen, da und vorbei.


Bleib`, nur schnell grad, auf ein Wort!

Ach, es kennt niemand  Wann und Ort,

Ein ungleiches Paar sich endlos vereint.

Inniges tut, und Vermaledeites meint.


Freude, Muße, Melancholie,

Unmut, Trübsinn, Euphorie.

Geschöpfe der Lust, nie eins dem anderen gleich.

Und doch: ihr Stakkato macht mich unsäglich reich.


Wie von weit, Lächeln. Still in mich hinein.

Ja, ich bin und ich bin nicht allein.

Brombeeren präsent an der Stadelwand.

Wahr, wie der Falter auf meiner Hand.




Muggardt im Sommer 2013




Einklang


Gesponnen, verwoben,

zwischenrein Kühle.

Fürs Auge noch leisere Töne.


Breit der Duft.

Adagio.

Erdenschwer


In munterem Gewinde

von unendlich weit oben,

Vivace im frühlingsgeschwängerten Bach.


Ringsum Crescendo,

Zwitschern und Schwatzen,

kühn das Innen nach Außen gekehrt.


Gegossen in weiße Plastikstühle,

Menschen, voll gesogen vom lindgrünen Licht,

einverstanden mit Vielem.


März 2015

Einst jetzt


Ich fühle etwas, was Du nicht fühlst:

Donnerleuchten, Himbeerglut,

Kuhstall, Phlox und Pflaumenmus,

die Luft voller Sommerferientag.



Verklebt zäh die Erinnerung

Bärendreck geklaut,

geflunkert, gegaukelt, wahr,

schaurig streng Verbotenes,

quer durchs Holunder Gesträuch.


Ich sehe etwas, was Du nicht siehst.

Feenflügelschlag.

Ein Duft, ein Klang,

das Herz, es weiß.

Ich bin,

spür Alles,

ich bin.



Mai 2015

Super-Markt


Barock beladen,

gefüllt bis zum Rand,

die Regale immer schön prall.

Ohne Lücke, toutjour durchdekliniert.

den Fisch mit dem glasigen Blick.

Elastisch und plastisch

Opulenz im bunten Netz.

Ja, so will ich‘s.

Wir lieben Lebensmittel.


Kuddlmuddl

Umwelt und Marktwirtschaft,

Schöpfung und Mehrwert, der Preis.

Verordnete Hygiene

im Vakuum des Geschmacks.

Qualität ist unsere Leidenschaft.

Alles Bio aus Peru, 

das Produkt von hier,

Erdbeeren im Advent,

gut und günstig.

Natürlich ist die Schlangengurke nicht krumm,

es glänzt der Royal Gala ganzjährig.


Konsum unser, oh Himmel.

geheiligt werde das Verfallsdatum.

Die Reichen kommen

Wir schaffen uns  den Himmel auf Erden

Unser tägliches Wegwerfbrot gib uns heute.

Und es trifft uns keine Schuld.

Wer nichts geben kann ist unser Schuldner.

Wir führen Dich in Versuchung,

erlösen Dich vom Überangebot, dem bösen.

Denn dadurch werden wir reich.

und Kraft unserer Herrlichkeit

ist‘s so halt bis in alle Ewigkeit

mit den Armen.



Juni  2015

In einem Boot


betrogen, geschunden,

gelockt und gegaukelt,

verschaukeltes Strandgut,

Nussschalen im Meer.


Irgendwohin, von irgendwo her

Fahrt ins hoch gelobteste Land.

Nirgendwo willkommen

Niemandes Herz berührend.


Seelenmeilen entfernt

das Ufer vom Boot.

Hunger, Tod, Missbrauch,

Mann über Bord.

Keiner hat‘s gesehen

verschluckt die Rufe

vom nervösen Börsengeschehen.


Europa in Psychose,

Realitätsverlust.

Finanzmarkt im Fieber,

Migräne im Land auf und ab,

Wohlstandsdämmerung.

Wohlleben kostet,

kostet Leben.




Juni 2015


Prozess


Gedichtvideo mit Tanz von Andrea Gawaz Videoinstallation Zeit und Raum. Im KunstPalais Badenweiler anlässlich einer Ausstellung zum Thema Prozess.


Ping pong, déjà-vu, ping pong


Himmelsleitern auf und ab

Regen, Sonne, Ozean.

Wundersam geht nichts verloren

und hört auch nie auf.


Menschenwerk und Teufelszeug

Terror, Anschlag, Attentat.

Satansspirale:

Ping pong, déjà-vu, ping pong


Die einen haben Beelzebub

um Teufel aus zu treiben.

Wer Scylla aber meiden will,

gerät in Charybdis’ Sog.


Mensch, im Veitstanz der Chimären,

geht um Himmels willen,

Rettung auf Abendländisch

noch immer nur mit Blut?


Krieg unheilig, himmelschreiend,

von keinem zu gewinnen.

alles geht verloren

und es hört nie auf.


Ping pong, déjà-vu, ping pong



© Andrea Gawaz Oktober 2016



Tintentod


Mit sortierten Anfangslettern.

baue ich mir eine gewisse,

eine hilflose Ordnung.

Buchstäblich.


Brüssel, Bagdad, Bataclan.

Blut

Luxor, London, Libanon,

Leid.

ich schöpfe aus dem Vollen.

New York, Nine Eleven, Nairobi,

Mogadischu,

München, Mali. Madrid,

Menschen verachtend.


Paris, Paris, Paris


Tausende Tentakel

hat der Schmerzkörper der Welt.


Doch hilft Tod gegen Terror?

Schafft frisches Blutvergießen Frieden?


Tinte taugt Tod sicher nicht

zum Tilgen von Tintenflecken.





© Andrea Gawaz November 2015


Liebe und Empörung - Hörprobe „Vor dem Winter“

Malerei und Gedichte von Andrea Gawaz

Musik von Tobias Kirchmeyer